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„Rückkehr nach Polen“ von Emilia Smechowski

„Lange glaubten wir im Westen: Polen ist frei und demokratisch, ein junges europäisches Land im Start-up-Modus. Dann wählte die Mehrheit rechtskonservativ – und unser Bild zerbrach. Für Emilia Smechowski ist Polen Heimat – eine Heimat, die sie als Kind verließ und in die sie nun zurückkehrt, um dort zu leben, als Bürgerin des Landes. Sie beschreibt eine zerrissene Nation: Der Riss geht durch die Familien, er ist präsent, wenn beim Sonntagsessen über Politik gestritten oder geschwiegen wird. Smechowski erzählt vom Alltag voller Widersprüche, sie spricht mit Politikern wie Bauern, um zu verstehen: Was ist seit 1989 passiert, dass so viele Menschen nicht mehr an den Wert der Freiheit glauben?“

Ich bin Polin. Zumindest zur Hälfte. Meine Mutter ist mit Anfang Zwanzig aus Warschau nach Deutschland ausgewandert und hat hier meinen Vater kennengelernt. Meine erste Sprache war Polnisch und auch die Kinderbücher, die ich las sowie alle Fernsehserien, die ich in den Sommerferien stundenlang bei meinen Großeltern schauen durfte, waren in dieser Sprache. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und wenngleich meine deutsche Seite die polnische im Laufe der Kindergartenzeit überholte, habe ich mich immer sehr mit der Stadt Warschau verbunden gefühlt. Dort zu sein, symbolisiert für mich bis heute einen Ort, an dem meine Welt in Ordnung ist.

Nach meinem Abitur im Jahr 2015 zog ich für ein Jahr in die polnische Hauptstadt. Ich genoss die Stadt und die Nähe zu meiner Familie, doch gleichzeitig war dieser Herbst in Polen eine sehr prägende, Umbruchszeit, insbesondere in der polnischen Politik. Am Nationalfeiertag war ich mit einem persischen Freund in der Stadt unterwegs, dessen nahöstliches Aussehen in der tobenden Menschenmengen nicht nur für unangenehme Blicke sorgte, sondern uns in diesem Umfeld auch sehr unsicher fühlen ließ. Nachdem mich dieser Freund eines Tages zu Hause besucht hatte, redete eine meiner Nachbarinnen, die mich zuvor im Treppenhaus immer in nette Gespräche verwickelt hatte, nicht mehr mit mir, sie knallte mir sogar einmal die Haustür vor der Nase zu.

Die jungen Menschen in Polen, insbesondere Studierende, sind hingegen in großen Teilen weltoffen und progressiv. Doch seitdem die nationalkonservative PiS-Partei im Herbst 2015 ins Parlament gewählt wurde, ist das Land zerrissen und nimmt zunehmend alarmierend diktatorische Züge an.

Das Ausmaß dieser Entwicklungen und die politischen Zusammenhänge waren mir lange nicht bewusst genug. Ich wollte mich nicht mehr nur damit zufrieden geben, Polen als das Land meiner Familie zu sehen, sondern wollte verstehen, warum dieses Land so ist, wie es ist, um auch meinen Wurzeln näherzukommen. Als ich also im Herbstprogramm des Hanser Berlin Verlags „Rückkehr nach Polen“ von Emilia Smechowski entdeckte, bot sich die perfekte Gelegenheit, mein Halbwissen zu ergänzen. Noch neugieriger wurde ich, als mir auf Facebook die Lesung in Berlin unter der Moderation von Margarete Stokowski vorgeschlagen wurde. Der Hanser Verlag ließ mir großzügigerweise ein Rezensionsexemplar zukommen, ich buchte ein Zugticket nach Berlin, las „Rückkehr nach Polen“ auf der Fahrt und nun bin ich wieder zu Hause mit vielen Gedanken und Eindrücken.

Emilia Smechowski ist im Alter von fünf Jahren mit ihrer Familie nach Berlin ausgewandert. Dort lebt und arbeitet sie als freie Journalistin, sie schreibt unter anderem für Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung. Im Rahmen dieses Buchprojekts ist sie mit ihrer vierjährigen Tochter für ein Jahr nach Danzig, in ihre Geburtsstadt, gezogen, um Polen näherzukommen, mit Menschen vor Ort zu sprechen und ein Porträt dieses sich stark wandelnden Landes zu schreiben sowie den Entwicklungen der letzten Jahre auf den Grund zu gehen.

„Rückkehr nach Polen“ ist eins meiner absoluten Jahreshighlights. Mir wurden beim Lesen nicht nur alle Fragen beantwortet, die ich seit einiger Zeit hatte. Emilia Smechowski hat mir mit ihren persönlichen Erlebnissen und Beobachtungen auch immens aus der Seele gesprochen: Dadurch, dass sie mit ihrer Tochter nach Danzig zog, konnte ich Kleinigkeiten aus meiner eigenen Kindheit wiederentdecken, die zwar immer selbstverständlich für mich waren, ich sie jedoch nie als „typisch polnisch“ einordnete. Teilweise handelt es sich auch um bestimmte Gefühle oder Gedanken zur Mentalität, die ich zuvor nie richtig in Worte packen konnte. Emilia Smechowski trifft mit diesem Buch absolut ins Schwarze, und gerade aus dieser Sicht einer Frau, die fast ihr gesamtes Leben in Deutschland verbracht hat und das Polnische eher am Rande mitbekam, und dabei sehr ähnliche, westliche Werte vertritt wie ich, kann ich mich extrem gut mit ihr identifizieren.

Am 27. August hatte ich die Gelegenheit, die Buchpremiere von „Rückkehr nach Polen“ zu besuchen. Emilia Smechowski und Margarete Stokowski, die Moderatorin der Veranstaltung, haben sich super ergänzt und führten spannende Gespräche. Ich wünschte, die Premiere wäre noch länger gegangen, da die zahlreichen und vielfältigen Themen mehr Raum verdient hätten. Auch eine Diskussionsrunde wäre schön gewesen, ich hätte gerne noch die eine oder andere Frage gestellt.

„Rückkehr nach Polen“ ist aus sehr persönlichen Gründen zu einem meiner Lieblingsbücher geworden. Doch selbst ohne konkretem Bezug zu dem Land liest sich das Buch großartig und unterhaltsam. In Anbetracht dessen, dass Polen „direkt nebenan“ ist, wissen wir erstaunlich wenig darüber. Es ist zwar ein sehr gespaltenes, aber auch ein unglaublich vielfältiges Land, das es sich definitiv zu erforschen lohnt. Dafür kann ich „Rückkehr nach Polen“ wärmstens empfehlen.

Der Hanser Verlag hat mir netterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Meine Meinung zu dem Buch beeinflusst das natürlich nicht.

Emilia Smechowski: Rückkehr nach Polen. Hanser Berlin Verlag. ISBN: 978-3-446-26418-2. 256 Seiten. 23,00€.

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