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„Hitze“ von Victor Jestin

„Während seine Altersgenossen bei Rekordhitze feiern, trinken und unbedingt noch ein Mädchen klarmachen wollen, taumelt der 17-jährige Léonard alleine und übermüdet durch die letzten Stunden seiner Sommerferien auf einem französischen Campingplatz. Die Nacht zuvor steckt ihm in den Knochen: Er hat einem Jungen reglos beim Selbstmord zugesehen ist dessen Tod also seine Schuld? Zugleich verwirrt ihn die verführerische Luce, hilflos und hingerissen ist er ihren schamlosen Spielchen ausgesetzt. Gefangen in seinen komplexen und gegensätzlichen Gefühlen, vermag Léonard seinem Delirium kaum zu entrinnen.“

Meine Lektüreauswahl erfolgte ehrlicherweise so: Ich hatte noch einen vollen Tag, bevor ich für ein paar Tage zu meiner Familie fuhr, und wollte davor noch ein Buch lesen. Das Stöbern im Bücherregal brachte mich auf Hitze von Victor Jestin. 160 Seiten sollten nicht nur machbar sein, sondern ich freute mich auch übermäßig darüber, wie sehr der Titel Programm war. 36 Grad im Schatten waren es in Berlin und ich stürzte mich in die Geschichte, die ich tatsächlich in einem Rutsch las.

„Der Campingplatz hatte seine eigenen Gesetze. Zwei Wochen Ferien, das war ein ganzes Leben. Man traf hier ein, wie man geboren wird, blass und allein. Man ging wieder, wie man stirbt, mit einem Seufzer der Traurigkeit und der Erleichterung.“ – S. 37

Kurz zuvor hatte ich den Kurzgeschichtenband Milkwishes beendet und war überrascht, wie perfekt der Beginn von Hitze daran anknüpfte: Ich war nach kürzester Zeit in der Geschichte drin, die Prämisse des Romans wurde sehr schnell klar und die Handlung beschränkte sich auf wenige Tage. Hinzu kommt, dass der Roman keine Kapitel hat und ein mehr oder weniger offenes Ende lässt. Man könnte meinen, Victor Jestin hätte mit diesem Roman einfach eine lange Kurzgeschichte geschrieben.

Es geht um Schuld, den ersten Sex, Scham und Tod. Beim Lesen konnte ich die Hitze des französischen Campingplatzes geradezu auf meiner Haut spüren (und das nicht nur, weil gerade Hochsommer ist) und genoss die Frage darum, wie Léonard mit der Last, einem Jungen beim Selbstmord zugesehen zu haben, umgehen wird. Dieses schwerwiegende Thema zieht sich durch das Buch und wird gleichzeitig ergänzt von den typischen Sorgen, Themen und Unsicherheiten, die man als Jugendlicher hat.

Mir hat Hitze gut gefallen und einen unterhaltsamen Nachmittag bereitet, doch ist es ein Buch, das noch lange nachhallt und mir in Erinnerung bleiben wird? Wahrscheinlich eher nicht. 20 Euro finde ich für die 160 Seiten, die sich in einem Rutsch weglesen lassen, somit etwas viel. Nichtsdestotrotz ein gelungenes Buch!

Der Kein & Aber Verlag hat mir netterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Meine Meinung zu dem Buch beeinflusst das natürlich nicht.

Victor Jestin: Hitze. Kein & Aber Verlag. ISBN: 978-3-0369-5828-6. 160 Seiten. 20,00€. Aus dem Französischen von Sina de Malafosse.

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