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„Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux

„Nach über 55 Jahren taucht Annie Ernaux ein in das Jahr 1958. Den Sommer verbringt sie in einem Feriencamp in der Normandie. Gemeinsam mit anderen Betreuern feiert sie Partys und genießt ihre Jugend. Und sie verbringt ihre erste Nacht mit einem Mann, eine erste sexuelle Erfahrung, die sie voller Scham mit in spätere Jahre trägt – und die sie fortan versucht zu vergessen. Annie Ernaux wirft einen Blick zurück auf das Mädchen, das sie einmal war. Doch sie schreibt auch über die Natur des Begehrens, über die Rolle der Frau und das Vergehen der Zeit: ein Buch von unbedingter Aufrichtigkeit.“

Um dieses Buch habe ich mich eine ganze Weile herumgeschlichen. Das Mädchen auf dem Buchcover fand ich unnahbar, ihr ernster und zugleich trauriger Gesichtsausdruck haben mich ein wenig abgeschreckt. Dann hat mir Tabitha von Zeilensprünge „Erinnerung eines Mädchens“ persönlich empfohlen und schließlich überwog die Neugier. Ich kann nur sagen: Was für ein Glück, dass mich dieses Buch doch noch gefunden hat.

„Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux hat sehr viel in mir ausgelöst. Die Autorin verarbeitet darin Erinnerungen an eine Phase in ihrem Leben, die sie sehr geprägt hat. Sie war achtzehn Jahre alt, als sie bestimmte Entscheidungen traf, ihre erste sexuelle Erfahrung machte und danach mit einigen Konsequenzen leben musste. Dabei ist der Kontext der damaligen Zeit vordergründig, da Moralvorstellungen und Geschlechterrollen noch ein ganzes Stück anders waren.

„Nur weil man die eigene Scham versteht, kann man sie noch lange nicht überwinden.“ – S. 119

Es hat so gut getan, „Erinnerung eines Mädchens“ zu lesen – nicht, weil ich mich in ihren konkreten Erfahrungen besonders wiederfinde, sondern weil wahrscheinlich jeder in seinem Leben Entscheidungen getroffen hat, auf die er nicht unbedingt stolz ist, die er womöglich lieber verdrängen würde. Annie Ernaux stellt sich ihrem vergangenen Ich, wenn auch in der 3. Person, und hat ihre Empfindungen mit ihren Worten so großartig eingefangen, dass ich mich ihr beim Lesen unglaublich nah gefühlt habe. Es ist faszinierend, wie ein bestimmtes Ereignis das restliche Leben in eine Richtung lenken kann, wie sehr wir doch ein Produkt aus unseren Erfahrungen sind. Annie Ernaux‘ Sprachstil ist anspruchsvoll, gleichzeitig jedoch unglaublich reich und reflektiert. Ich habe beim Lesen jeden Satz ausgekostet, mich völlig in Annies Welt versetzt gefühlt und hing an jedem ihrer Worte. Das ist für mich gute Literatur!

Der Suhrkamp Verlag hat mir netterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Meine Meinung zu dem Buch beeinflusst das natürlich nicht.

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens. Suhrkamp Verlag. ISBN: 978-3-518-42792-7. 163 Seiten. 20,00€.

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